Kardiologie am Herzzentrum Leipzig, Oberarzt in der Zentralen Notaufnahme, Notarzt im Rettungsdienst. Und heute Präventionsmedizin. Warum er gewechselt hat, erzählt er hier selbst.

Sebastian Wunderlich ist Facharzt für Innere Medizin und führt an unserem Standort in Berlin Mitte die 360° Check-ups durch. Kardiovaskulärer Präventivmediziner DGPR®, Lipidologe DGFL®, Hypertensiologe DHL®, Zusatzbezeichnungen Sportmedizin und Notfallmedizin. Nachfolgend berichtet er über seine medizinische Laufbahn und seine Passion für die Prävention.
Meine ärztliche Laufbahn begann 2017 am Herzzentrum Leipzig. Dort habe ich meine internistisch-kardiologische Ausbildung begonnen und sehr unterschiedliche Bereiche der Kardiologie kennengelernt.
Im weiteren Verlauf wechselte ich an das Helios Klinikum Bad Saarow. Dort war ich zunächst im Rahmen meiner Facharztausbildung in der Zentralen Notaufnahme eingesetzt. Eigentlich war diese Rotation nur für etwa ein halbes Jahr geplant. Die Arbeit hat mir jedoch so viel Freude gemacht, dass daraus mehrere Jahre wurden. Ich legte dort meine Facharztprüfung für Innere Medizin ab und übernahm anschließend eine Oberarztposition in der Zentralen Notaufnahme.
Parallel dazu bin ich weiterhin im Medizinischen Versorgungszentrum am Klinikum in einer kardiologischen Sprechstunde tätig und war zusätzlich als Notarzt im Rettungsdienst eingesetzt. Später kam meine Tätigkeit in einem privatärztlichen Präventionsinstitut in Berlin hinzu, in dem ich über etwa zwei Jahre umfassende medizinische Check-ups durchgeführt und präventivmedizinische Strukturen mit aufgebaut habe. Heute liegt mein beruflicher Schwerpunkt vollständig auf der evidenzbasierten Präventionsmedizin bei LumaMed.
Am Herzzentrum Leipzig habe ich zunächst die kardiologische Ambulanz und Tagesklinik kennengelernt, unter anderem mit Schwerpunkt Herzinsuffizienz. Anschließend war ich stationär in verschiedenen kardiologischen Bereichen tätig. Dazu gehörten unter anderem Stationen mit Schwerpunkt:
Besonders interessant fand ich bereits damals die Herzinsuffizienz-Ambulanz, weil dort eine längerfristige Betreuung der Patienten möglich war. Eine besonders prägende Rotation war für mich das Ultraschall- und Echolabor einschließlich Duplexsonografie. Dort habe ich insgesamt ungefähr neun Monate verbracht und konnte eine umfassende Expertise in der kardiovaskulären Ultraschalldiagnostik entwickeln. Hinzu kamen Einsätze auf der Intensivstation.
Nach meinem Wechsel nach Bad Saarow lag mein Schwerpunkt zunehmend auf der Akut- und Notfallmedizin. In der Zentralen Notaufnahme habe ich das gesamte Spektrum internistischer Notfälle betreut, von vergleichsweise einfachen Akuterkrankungen bis hin zu schwerkranken und reanimationspflichtigen Patienten. Dazu gehörten unter anderem:
Parallel habe ich mich intensiv in Sportmedizin, Präventionsmedizin, Lipidologie und Hypertensiologie weitergebildet. Mit der Zeit hat sich dadurch mein beruflicher Schwerpunkt immer stärker von der reinen Akutbehandlung hin zur Frage entwickelt, wie Erkrankungen möglichst früh erkannt oder sogar verhindert werden können.
Es waren vor allem drei Bereiche.
Einer meiner größten Favoriten während der Ausbildung war die Ultraschalldiagnostik. Mich hat von Anfang an fasziniert, wie viele Informationen man mit einer nichtinvasiven und praktisch risikofreien Untersuchung gewinnen kann. Ob Echokardiografie, Gefäßdiagnostik oder Duplexsonografie: man kann sehr viel erkennen, ohne den Patienten einer relevanten Belastung auszusetzen.
Gleichzeitig ist Ultraschall für mich eine sehr patientennahe Form der Diagnostik. Ich kann dem Patienten unmittelbar zeigen, was ich sehe, Befunde direkt erklären und ihn dadurch stärker in die eigene Diagnostik und Therapie einbeziehen. Diese Kombination aus technischer Medizin, klinischem Denken und direkter Kommunikation mit dem Patienten hat mir immer besonders viel Freude gemacht.
Der zweite große Bereich war die Akut- und Notfallmedizin. Hier kann man innerhalb kürzester Zeit sehr viel erreichen. Man muss Informationen schnell erfassen, Prioritäten setzen, Entscheidungen treffen und manchmal innerhalb weniger Minuten Maßnahmen einleiten, die für das weitere Leben eines Patienten entscheidend sind. Genau diese Dynamik und Verantwortung haben mich fasziniert. Gleichzeitig hatte ich jedoch zunehmend einen Gedanken im Hinterkopf:
Eigentlich hätte es bei vielen dieser Patienten gar nicht so weit kommen müssen.
Gerade durch meine kardiologische und notfallmedizinische Tätigkeit habe ich gesehen, wie häufig wir erst die Endstrecke einer über viele Jahre entstandenen Erkrankung behandeln. Besonders deutlich wurde mir das bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit. Man sieht Patienten, die mit einem relevanten Koronarbefund kommen, einen Stent erhalten und einige Jahre später mit einer neuen Stenose erneut behandelt werden müssen. Die Intervention ist technisch erfolgreich, aber die zugrunde liegende Erkrankung läuft weiter.
Dadurch begann ich mich immer intensiver mit der Frage zu beschäftigen:
Warum entsteht diese Erkrankung, und was können wir tun, damit der Patient in fünf, zehn oder zwanzig Jahren gar nicht erst wieder in diese Situation kommt?
Besonders spannend wurde für mich deshalb auch die Lipidologie. Die intensive Beschäftigung mit LDL-Cholesterin, ApoB, Lipoprotein(a) und der Pathophysiologie der Atherosklerose hat meinen Blick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen noch einmal verändert. Gerade hier wissen wir heute sehr viel über kausale Risikofaktoren und darüber, wie stark sich das langfristige Risiko durch eine frühzeitige und konsequente Prävention beeinflussen lässt.
Meine verschiedenen Interessen greifen deshalb heute ineinander. Der Ultraschall zeigt mir, was bereits im Körper passiert. Die Notfallmedizin zeigt mir, was passiert, wenn eine Erkrankung eskaliert. Und die Präventionsmedizin fragt, wie wir verhindern, dass es überhaupt so weit kommt.
Der Übergang zur Präventionsmedizin war für mich kein Bruch mit der klassischen Medizin, sondern vielmehr eine Konsequenz aus meinen bisherigen Erfahrungen. Gerade in der Kardiologie und Notfallmedizin habe ich gesehen, wie hervorragend moderne Medizin darin sein kann, lebensbedrohliche Situationen zu behandeln. Wir können verschlossene Herzkranzgefäße wiedereröffnen, schwere Rhythmusstörungen behandeln, Patienten reanimieren, Klappen interventionell ersetzen und viele weitere Erkrankungen technisch auf einem enorm hohen Niveau behandeln.
Trotzdem hatte ich zunehmend das Gefühl, dass wir häufig erst sehr spät eingreifen. Wir behandeln die Endstrecke einer Erkrankung, deren Entwicklung häufig bereits zehn, zwanzig oder dreißig Jahre zuvor begonnen hat. Genau das hat mich zunehmend unzufrieden gemacht.
Aus dieser Unzufriedenheit heraus habe ich meine Weiterbildungen gezielt in Richtung Prävention ausgebaut. Dadurch kam ich auch intensiver mit dem Thema Longevity in Kontakt. Für mich allerdings immer unter der Voraussetzung, Präventionsmedizin seriös, wissenschaftlich und evidenzbasiert zu betreiben. Schließlich begann ich in einem privatärztlichen Präventionsinstitut in Berlin zu arbeiten und umfassende medizinische Check-ups durchzuführen beziehungsweise mit aufzubauen. Dort konnte ich vieles von dem umsetzen, was mich vorher beschäftigt hatte: Risiken möglichst früh erkennen, bevor daraus eine manifeste Erkrankung entsteht.
Dabei geht es für mich ausdrücklich nicht darum, möglichst viele Untersuchungen durchzuführen. Es geht darum, relevante Risiken zu identifizieren, sie medizinisch korrekt einzuordnen und gemeinsam mit dem Patienten einen konkreten und individuellen Plan zu entwickeln. Entscheidend bleibt dabei stets der Blick auf die wissenschaftliche Evidenz: ohne Hokuspokus, ohne pauschale Heilsversprechen und ohne Hype-Medizin. Ein entscheidender Faktor ist außerdem, ausreichend Zeit für den Patienten zu haben.
Mein Ziel ist heute deshalb nicht nur die Behandlung von Krankheit.
Mein oberstes Ziel ist es, Gesundheit möglichst lange zu erhalten.
Ein Fall, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war ein Patient mittleren Alters, der mit einer ungewöhnlichen Kombination von Symptomen in die Notaufnahme kam. Er hatte Brustschmerzen und gleichzeitig eine neu aufgetretene Hemiparese, also eine Halbseitenlähmung, insbesondere im Bereich von Gesicht und Arm. Im EKG zeigten sich deutliche ST-Hebungen. Damit standen unmittelbar mehrere lebensbedrohliche Diagnosen im Raum: ein akuter ST-Hebungsinfarkt mit einem möglichen gleichzeitigen neurologischen Ereignis, aufgrund der Kombination aus Brustschmerzen und neurologischem Defizit aber insbesondere auch eine Aortendissektion.
Deshalb erfolgte zunächst eine CT-Diagnostik zum Ausschluss einer Dissektion. Während der Untersuchung wurde der Patient zunehmend unruhig und musste leicht sediert werden. Dann verschlechterte sich die Situation innerhalb kürzester Zeit dramatisch. Der Patient entwickelte eine ventrikuläre Tachykardie und wurde reanimationspflichtig. Er musste zweimal defibrilliert und anschließend intubiert werden. Glücklicherweise konnten wir einen ROSC erreichen, also einen Return of Spontaneous Circulation, die Rückkehr eines eigenen Kreislaufs.
Im CT konnten sowohl eine Aortendissektion als auch eine akute intrakranielle Blutung ausgeschlossen werden. Damit ging es unmittelbar weiter in den Herzkatheter. Dort zeigte sich ein akuter Verschluss eines Koronargefäßes mit Vorderwandinfarkt, der erfolgreich interventionell behandelt werden konnte. Im weiteren Verlauf traten zunächst nochmals ventrikuläre Tachykardien auf, weshalb der Patient auf der Intensivstation behandelt wurde. Danach stabilisierte sich sein Zustand jedoch erfreulich schnell. Die Rhythmusstörungen traten nicht mehr auf, der Patient konnte extubiert und anschließend auf eine Normalstation verlegt werden.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das spätere Wiedersehen. Der Patient hatte keine relevanten neurologischen Residuen, war wieder vollständig mobil und konnte sein normales Leben fortführen. Gleichzeitig wurde mir bei diesem Fall noch einmal sehr bewusst, wie knapp solche Situationen sein können. Wäre diese ventrikuläre Tachykardie wenige Minuten später oder außerhalb des Krankenhauses aufgetreten, hätte dieser Patient mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überlebt. Für mich zeigt dieser Fall sehr eindrücklich:
Manchmal entscheiden tatsächlich wenige Minuten über das gesamte weitere Leben eines Menschen.
Meine größte Erkenntnis ist, dass wir in der Medizin noch immer sehr häufig zu spät kommen. Die klassische Medizin ist hervorragend darin, Krankheiten zu diagnostizieren und zu behandeln. Aber ihr System ist größtenteils darauf ausgerichtet, aktiv zu werden, wenn ein Mensch bereits krank ist. Dann behandeln wir den Herzinfarkt, die fortgeschrittene Atherosklerose, den Diabetes, die Herzinsuffizienz oder deren Komplikationen. Natürlich ist das unverzichtbar. Aber langfristig ist es aus meiner Sicht nicht ausreichend, immer nur die bereits entstandenen Baustellen aufzuräumen.
Eine moderne und nachhaltige Medizin sollte nicht nur Krankheit behandeln. Sie sollte vor allem Gesundheit erhalten und fördern. Wir müssen früher ansetzen. Wir sollten Risikofaktoren erkennen, bevor daraus Erkrankungen entstehen, und möglichst die Ursachen beziehungsweise die kausalen Treiber behandeln. Dazu gehören medizinische Diagnostik und Therapie genauso wie die grundlegenden Faktoren unseres Lebens: Ernährung, Bewegung, Schlaf, psychische Gesundheit und Gesundheitskompetenz.
Und Prävention sollte für mich nicht erst mit 40 oder 50 Jahren beginnen. Ein enormes Potenzial liegt bereits in der Bildung von Kindern und Jugendlichen. Wenn Kinder früh verstehen, warum Bewegung wichtig ist, was gesunde Ernährung bedeutet, welchen Einfluss Schlaf hat und welche Verantwortung sie selbst für ihre langfristige Gesundheit übernehmen können, könnten wir auf Bevölkerungsebene enorm viel erreichen.
Natürlich wird sich nicht jede Erkrankung verhindern lassen. Aber gerade bei Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen besteht ein enormes Potenzial, Erkrankungen zu vermeiden oder zumindest deutlich hinauszuzögern. Für mich sollte das Ziel moderner Medizin deshalb sein, nicht darauf zu warten, dass Menschen krank werden, sondern mit allen sinnvollen und evidenzbasierten Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass sie möglichst lange gesund bleiben.
Ein Satz bringt für mich sehr gut auf den Punkt, warum das so wichtig ist:
„Ein gesunder Mensch hat tausend Wünsche. Ein kranker Mensch hat nur einen: Gesundheit.“
Aus meiner klinischen und präventivmedizinischen Arbeit haben sich einige Überzeugungen ergeben, die im medizinischen Alltag selten konsequent umgesetzt werden.
Laborreferenzbereiche bilden ab, was in der Bevölkerung häufig ist, nicht, was für den einzelnen Menschen gut ist. Ein LDL-Cholesterin ohne Markierung im Befund kann für das individuelle Risikoprofil deutlich zu hoch sein. Ich arbeite deshalb mit risikoadjustierten Zielwerten, nicht mit Referenzbereichen.
Das ist keine Außenseiterposition. Die europäischen Leitlinien formulieren seit Jahren risikoabhängige Zielwerte, und die Evidenz aus Interventionsstudien und genetischen Untersuchungen zeigt konsistent in dieselbe Richtung. Ungewöhnlich ist nicht die These. Ungewöhnlich ist, wie selten sie konsequent umgesetzt wird. Ein erheblicher Teil der Hochrisikopatienten erreicht die empfohlenen Zielwerte nie.
Das LDL-Cholesterin misst die Cholesterinmasse, ApoB zählt die atherogenen Partikel. Bei Diabetes, metabolischem Syndrom oder erhöhten Triglyzeriden fallen beide Werte auseinander, und dann unterschätzt ein scheinbar guter LDL-Wert das tatsächliche Risiko. In den Leitlinien ist ApoB bis heute nur als Alternative geführt. Ich bestimme es standardmäßig.
Lp(a) ist genetisch festgelegt, über die Lebenszeit weitgehend konstant und bei etwa jedem Fünften erhöht, und wird in der Regelversorgung trotzdem fast nie bestimmt. Wer seinen Lp(a)-Wert nicht kennt, kann sein kardiovaskuläres Risiko nicht vollständig einordnen.
Atherosklerose ist ein Expositionsproblem. Entscheidend ist nicht der Wert von heute, sondern die kumulative Belastung über Jahrzehnte. Der gesetzliche Check-up setzt genau dort an, wo der Prozess längst läuft.
Alle sinnvollen Möglichkeiten ausschöpfen, nach Ratio, nicht nach Maximalprinzip. Wenn Lebensstiländerung allein das individuelle Ziel nicht erreicht, gehe ich die weiteren Therapieoptionen konsequent an. Umgekehrt gilt genauso: keine Diagnostik und keine Therapie ohne rationale Begründung. Und keine dieser Entscheidungen ohne ausreichend Zeit für das Gespräch, denn der einzelne Mensch ist kein Standardmensch.
Wenn ich meinen bisherigen Weg zusammenfassen müsste, würde er lauten:
Kardiologie → Akut- und Notfallmedizin → Sportmedizin → Lipidologie → evidenzbasierte Präventionsmedizin.
Dabei nehme ich aus jedem dieser Bereiche etwas mit. Die klassische Medizin hat mir beigebracht, Krankheit zu verstehen und zu behandeln. Die Notfallmedizin hat mir gezeigt, wie entscheidend wenige Minuten sein können. Und die Präventionsmedizin beschäftigt sich für mich mit der vielleicht wichtigsten Frage:
Wie schaffen wir es, dass der Patient möglichst gar nicht erst an diesen Punkt kommt?
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